Über die fehlende Aktienkultur

 In Österreich und Deutschland, ja eigentlich in ganz Europa gibt es, verglichen mit den USA, eine kaum ausgeprägte bis so gut wie gar nicht vorhandene Aktienkultur.  Wie Tim Schäfer das in seinem Blog so schön unter dem Titel Angst und Unkenntnis sind Gruende für niedrige Aktienquote beschrieb. Doch genau diese fehlende Aktienkultur ist mit der Grund für die aufgehende Kluft zwischen Arm und Reich und Schlussendlich den Niedergang der westlichen Mittelschicht.

Zur Erklärung: Europa bzw die westliche, industrialisierte Welt hat vor einigen Jahrzehnten damit begonnen (besser: die freie Marktwirtschaft hat aufgrund der offenen Märkte damit begonnen), Arbeitsplätze dorthin zu verlagern, wo die Arbeitskraft weniger kostet (Billiglohnländer). Über die Jahre hinweg ist somit beinahe die gesamte produzierende Industrie aus dem Westen abgewandert und jede Arbeit, die auch von un- bzw gleichqualifizierten aber weniger verlangenden Personen gemacht werden konnte, wurde konsequent verlagert (bspw nach China).
            Europa / der Westen produziert schon lange nichts mehr und arbeitet auch nicht mehr (verglichen mit „früher“ und anderen Ländern). Lediglich die Unternehmen versteuern ihre Rekordgewinne (erzielt durch Rekordmargen aufgrund billiger ausgelagerter Arbeitskräfte) noch in den Heimatländern. So verwundert es auch nicht, dass die Wirtschaftsleistung des Westens stieg / steigt, die Löhne jedoch gleich blieben bzw sanken und die Arbeitslosigkeit in absoluten Zahlen ebenfalls zunahm (Vollzeit wurde durch Teilzeit ersetzt und die Statistik wird mit Menschen die sich in „Ausbildungsmaßnahmen“ befinden geschönt).

Zwischenstatus: Wirtschaft im Westen wuchs aufgrund steigender Unternehmensgewinne, welche mit billigen Arbeitskräften in Billiglohnländern erzielt wurden, während die produzierende Industrie und mir ihr viele Arbeitsplätze abwanderten.

            Der Westen ist nunmehr keine „arbeitende / produzierende“ sondern eher „verwaltende“ Gesellschaft (= die berühmte Dienstleistungsgesellschaft. Anwälte, Mediziner, Künstler, Lebensberater, uvm können immer erst dann Fuß fassen, wenn irgendjemand im kleinen Dorf namens Staat genügend Brötchen backt, damit niemand hungern muss und dadurch Humankapital frei steht für andere Errungenschaften anstatt Nahrungsbeschaffung). Kurzum: Große Konzerne wie bspw BMW, Daimler, Henkel, BASF, Siemens, etc erwirtschaften verdammt viele Brötchen, gebacken mit der Arbeitskraft von billigen (zumeist) Asiaten, und transferieren damit äußerst viel Wohlstand in den Westen, womit eine ganze Dienstleistungsgesellschaft am Laufen gehalten wird. Während der Wanderarbeiter in China Zustände vorfindet, wie sie einst in Europa unter dem Stichwort „Manchester Kapitalismus“ zusammenzufassen waren, darf der saturierte Westen sich um Urlaub, Freizeitbeschäfitgung, den Sinn des Lebens und andere Dinge kümmern.
            Das einzige Problem dabei scheint zu sein: es gibt nicht genügend gewinnbringende Dienste, damit jeder solche anbieten kann bzw scheinen manche Menschen eben nicht zu „höherer“ als manueller Arbeit berufen (nicht falsch verstehen: ich schätze manuelle Arbeiter, den sie sind diejenigen, die wie aus diesem Schreiben hervorgehen sollte, etwas „Wirkliches“ produzieren – nämlich Wohlstand indem sie Humankapital freischalten). Dennoch: für diese Arbeiter ist im globalen Dorf billigerer Ersatz schnell gefunden und der Arbeitsplatz weg / ausgelagert. Auch umgekehrt ist es für ein Unternehmen kaum profitabel teuer im Westen zu produzieren, wenn die Konkurrenz bereits deutlich günstiger zu ähnlicher Qualität in China fertigen lässt. Auslagern oder untergehen.

            Was sind die Konsequenzen bzw Möglichkeiten: (a) das Unternehmen geht ebenfalls in eine Billiglohnland und die zurückgebliebenen nunmehrigen Arbeitslosen hängen am Tropf des Sozialstaates, oder (b) die Löhne im Westen werden gesenkt um konkurrenzfähig zu bleiben.

Und genau das konnten wir in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll beobachten: westliche Arbeiter müssen mit Asiaten konkurrieren die bereit sind für USD 400,- im Monat ihre Familie zurück zu lassen, in einer Bruchbude mit 4 anderen in Stockbetten zu schlafen und zwölf Stunden am Tag zu arbeiten – ohne Arbeitsschutzvorschriften. Eine Konkurrenz die für einen „satten“ westlichen Arbeiter konkurrenzlos ist. Ergo wurden die Löhne der gemeinen Arbeiter im Westen entweder hinunternivelliert (sonst wäre die Arbeitsstelle komplett weg), oder – wo nicht möglich – die Manufaktur ausgelagert. Und das alles mit dem schönen Nebeneffekt, dass zeitgleich die Gewinne der Unternehmen, aufgrund besserer Margen (geringere Personalkosten), stiegen.

            Problem dabei: der gemeine Deutsche, Österreicher, Franzose, Europäer hatte recht wenig von diesen Gewinnen, weil er keine Anteile an diesen Unternehmen besaß / besitzt. Aktien sind in Europa „ein sicherer Verlust“, „zu riskant“ und „da kenne ich mich nicht aus damit“. Kurzum: unpopulär.

Und die Krux an der ganzen Sache: bisher konkurrierte nur die Arbeiterschaft mit Chinesen, Indern und Co. Nun kommt bereits auch die Dienstleistungsgesellschaft zum Handkuss (zB werden Call-Centers massenweise nach Indien ausgelagert).

            Ein weitsichtiger Mensch würde nun sagen, dass die allgemeine europäische Vorstellung von 40 Jahre Arbeit bei einem Arbeitgeber, Pensionsanspruch und ansprechende Entlohnung somit wohl nur für ein bis zwei Generationen Geltung hatte – nicht so jedoch der Westeuropäer. Wir verlassen uns noch immer auf den Reichtum, der für eben maximal ein zwei Generationen vor uns „normal“ war (und den es davor noch nie gegeben hat). Ein Weltbild ohne breite Mittelschicht in Europa ist uns fremd. Selbst vorzusorgen oder gar Aktien, sprich Anteile an Unternehmen zu kaufen kommt nicht in Frage. Das machen nur wenige und diese wenige werde wie ihre Firmen – oh Wunder – immer reicher, während die Arbeiter – in Konkurrenz mit aller Welt – oh Wunder – immer weniger verdienen. Welcome to working poor.

            Wollte man soziale Gleichheit, müsste man sich als Politiker „AKTIEN FÜR ALLE“ auf die Stirn heften, doch das ist unpopulär und unwählbar – leider. So wird es kommen, wie es kommen muss. Aktionäre (die wenigen ca 6% der deutschen Gesellschaft) werden weiterhin „Rekordgewinne“ einfahren, während die restlichen Leute ihre Gehälter stagnieren sehen. Wer’s nicht glaubt: Griechenland (und der restliche Süden) ist warum pleite? Weil er zuviel ausgegeben hat! Und warum wirklich? Strukturprobleme: zu teuere Lohnstückkosten, ergo nicht konkurrenzfähig, ergo tote Industrie, ergo, ergo, ergo…

Schlussfolgerung:

Der jetzige Reichtum des Westens ist keine „für immer“ zementierte Lebensbedingung, sondern erst seit wenigen Generationen Realität. Davor war der „chinesische Wanderarbeiter“ in Europa Realität und der könnte bald wieder kommen!

Liebe Grüße
Euer Geldexperiment